Häufige Missverständnisse über Ashtanga Yoga: Klärung von Mythen

Was du in diesem Artikel erfährst

In diesem Artikel tauchen wir tief in die Welt des Ashtanga Yogas ein und räumen mit einigen der gängigsten Missverständnisse auf, die sich um diese dynamische Praxis ranken. Du erfährst, warum Ashtanga nicht nur für Gelenkige ist, wie die Praxis trotz fester Sequenz Raum für Individualität lässt und warum Hilfsmittel nicht „schummeln“ bedeuten. Wir beleuchten, wie eine moderne, zugängliche Ashtanga-Praxis aussieht, die sich an die Bedürfnisse und den Alltag jedes Einzelnen anpasst, und wie du die Vorteile dieser kraftvollen Yoga-Form für dich nutzen kannst – ganz ohne Dogma.

Mythos: «Ashtanga Yoga ist nur etwas für Gelenkige und Akrobaten»

Eines der hartnäckigsten Missverständnisse über Ashtanga Yoga ist, dass es nur für Menschen mit einer aussergewöhnlichen Gelenkigkeit oder akrobatischen Fähigkeiten geeignet sei. Viele schrecken davor zurück, weil sie Bilder von fortgeschrittenen Praktizierenden in komplizierten Haltungen sehen und glauben, sie müssten dies von Anfang an beherrschen. Das ist jedoch weit gefehlt. Ashtanga Yoga ist eine dynamische und progressive Praxis, was bedeutet, dass sie darauf ausgelegt ist, dich Schritt für Schritt zu entwickeln. Jede Asana (Haltung) baut auf der vorherigen auf und bereitet den Körper auf die nächste vor. Es geht nicht darum, von Beginn an perfekt zu sein, sondern darum, deinen Körper dort abzuholen, wo er geradesteht.

Die Schönheit des Ashtanga liegt darin, dass es für jeden Körpertyp und jedes Fitnesslevel angepasst werden kann. Ein guter Lehrer wird dir immer Modifikationen und Variationen anbieten, die dir helfen, die Haltungen sicher und effektiv auszuführen. Es geht nicht darum, die Asana in ihrer „vollkommensten“ Form zu erreichen, sondern darum, die Prinzipien der Haltung zu verstehen und die Praxis an deine individuellen Bedürfnisse anzupassen. Das bedeutet, dass jemand mit steifen Hüften vielleicht Blöcke benutzt, um den Boden zu erreichen, während jemand mit Handgelenksproblemen eine Faust anstelle einer flachen Hand in bestimmten Posen macht. Diese Anpassungen sind kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen von Achtsamkeit und Intelligenz in deiner Praxis. Es ist wichtig zu verstehen, dass Flexibilität ein Ergebnis der Praxis ist, nicht deren Voraussetzung. Mit regelmässigem Üben wirst du feststellen, wie dein Körper allmählich geschmeidiger wird und du Fortschritte machst, ohne dich dabei zu überfordern.

Mythos: «Die feste Sequenz lässt keinen Raum für Individualität»

Ein weiteres weit verbreitetes Missverständnis ist die Annahme, dass die feste Sequenz des Ashtanga Yogas (die berühmte Primary Series, Intermediate Series, Advanced A usw.) keinerlei Raum für individuelle Anpassungen lässt. Es stimmt, dass Ashtanga Yoga durch eine vorgegebene Abfolge von Haltungen gekennzeichnet ist. Dies ist einer der Gründe, warum es als „Methode“ bezeichnet wird. Diese feste Struktur bietet jedoch eine unglaubliche Grundlage für die Praxis. Sie ermöglicht es dir, dich auf die Atmung (Ujjayi), die Bewegung (Vinyasa) und die Blickpunkte (Drishti) zu konzentrieren, ohne ständig über die nächste Asana nachdenken zu müssen.

Entgegen der Annahme, dass diese Struktur starr ist, bietet sie gerade in ihrer Wiederholung die Möglichkeit, tiefer in die Praxis einzutauchen. Jedes Mal, wenn du dieselbe Sequenz übst, entdeckst du neue Nuancen in den Haltungen, verbesserst deine Ausrichtung und vertiefst dein Verständnis für deinen eigenen Körper. Und genau hier kommt die Individualität ins Spiel. Während die Abfolge gleich bleibt, ist die Art und Weise, wie du jede Haltung ausführst, zutiefst persönlich.

In einem modernen Ashtanga-Unterricht wirst du feststellen, dass Lehrer die Sequenz an die individuellen Bedürfnisse der Schüler anpassen. Wenn eine bestimmte Haltung für dich nicht zugänglich ist, wird dir ein erfahrener Lehrer eine geeignete Modifikation vorschlagen. Dies kann das Verwenden von Hilfsmitteln sein, das Reduzieren der Intensität oder das Anbieten einer alternativen Pose. Das Ziel ist es, die Prinzipien der Haltung zu vermitteln, nicht die Pose um jeden Preis in ihrer idealen Form zu erzwingen. Es geht darum, die Praxis so zu gestalten, dass sie für dich nachhaltig und förderlich ist, anstatt dich in eine Form zu zwängen, die nicht zu deinem Körper passt. Die feste Sequenz ist also eher ein leitender Rahmen als eine starre Vorschrift, die die persönliche Entwicklung behindert.

Mythos: «Du musst jeden Tag praktizieren, um ein „echter“ Ashtangi zu sein»

Der traditionelle Ashtanga-Weg sieht eine tägliche Praxis (ausser Samstags und an Voll- und Neumondtagen) vor, oft im sogenannten Mysore-Stil, wo jeder Schüler in seinem eigenen Tempo übt und der Lehrer individuelle Korrekturen gibt. Dies kann bei vielen den Eindruck erwecken, dass man nur dann ein „echter“ Ashtangi ist oder Fortschritte macht, wenn man sich diesem rigorosen Zeitplan verschreibt. Dieses Denken kann abschreckend wirken und unnötigen Druck erzeugen.

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Häufigkeit der Praxis idealerweise von deinen individuellen Lebensumständen abhängt. Einmal pro Woche zu üben, ist absolut ausreichend, um die Vorteile des Ashtanga Yogas zu erfahren und kleine Fortschritte zu machen. Konsistenz ist wichtiger als Intensität. Es ist besser, einmal pro Woche regelmässig und bewusst zu praktizieren, als sich selbst zu überfordern und dann ganz aufzuhören.

Die Qualität deiner Praxis übertrifft die Quantität bei Weitem. Selbst eine kurze, aber aufmerksame Einheit kann unglaublich wirkungsvoll sein. Es geht darum, eine Verbindung zu deinem Körper und deinem Atem herzustellen und die Prinzipien des Ashtanga – Atmung, Bewegung und Fokus – in deinen Alltag zu integrieren. Viele, die eine Mysore-Praxis in einem Studio nicht verfolgen können, üben zu Hause oder nehmen an geführten Lektionen teil, die ebenfalls alle Vorteile der Praxis bieten. Ich persönlich biete ausschliesslich geführte Lektionen an, da ich davon überzeugt bin, dass dies für viele meiner Schüler der zugänglichste Weg ist, die Vorteile des Ashtanga Yoga zu erleben. Es ist mir wichtig, dass sich jeder in meiner Stunde wohlfühlt und die Praxis als Bereicherung und nicht als Belastung empfindet. Der Begriff „echter Ashtangi“ ist ohnehin irrelevant; es geht darum, die Praxis so zu gestalten, dass sie für dich persönlich sinnvoll und erfüllend ist.

Mythos: «Hilfsmittel (Blöcke, Gurte etc.) sind ein Zeichen von Schwäche oder „Schummeln“»

In manchen traditionellen Ashtanga Yoga-Kreisen herrscht die Ansicht, dass der Einsatz von Hilfsmitteln wie Blöcken, Gurten oder Decken nicht erlaubt ist. Dieses Denken ist leider weit verbreitet und führt oft dazu, dass sich Schüler scheuen, diese wertvollen Werkzeuge zu nutzen, selbst wenn es ihrer Praxis immens zugutekommen würde. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.

Hilfsmittel sind eine Erweiterung deiner Gliedmassen und dienen dazu, die Yoga-Haltungen für deinen individuellen Körper zugänglicher zu machen. Sie ermöglichen es dir, die korrekte Ausrichtung zu finden, die du ohne sie vielleicht nicht erreichen könntest, und unterstützen dich dabei, tiefer in eine Pose zu gehen, ohne dich zu überdehnen oder zu verletzen. Stell dir vor, du möchtest in einer Vorbeuge deine Hände zum Boden bringen, aber deine hinteren Oberschenkel sind noch zu steif. Wenn du dann Blöcke unter deine Hände legst, kannst du deinen Rücken gerade halten und die Dehnung in den Oberschenkeln spüren, anstatt dich nach vorne zu krümmen und deine Wirbelsäule zu belasten. Ohne die Blöcke würdest du womöglich nur Frustration erleben und die eigentliche Wirkung der Haltung verfehlen.

Der Einsatz von Hilfsmitteln ist ein Zeichen von Intelligenz, Fürsorge und Achtsamkeit in deiner Praxis. Es zeigt, dass du auf deinen Körper hörst und bereit bist, ihm das zu geben, was er braucht, um sicher und effektiv zu üben. Es geht darum, die Prinzipien der Asana zu erfahren, nicht die Form um jeden Preis zu erzwingen. Viele fortgeschrittene Praktizierende nutzen Hilfsmittel sogar, um ihre Ausrichtung zu verfeinern oder um bestimmte Bereiche ihres Körpers gezielter zu stärken oder zu dehnen. Adam Keen, ein Ashtanga-Lehrer, dessen Ansatz ich sehr schätze, betont immer wieder die Bedeutung von Anpassungen und Hilfsmitteln, um die Praxis für jeden zugänglich zu machen und die Gefahr von Verletzungen zu minimieren. Bei mir im Unterricht sind Hilfsmittel nicht nur erlaubt, sondern explizit erwünscht!

Mythos: «Ashtanga Yoga ist zu spirituell oder esoterisch»

Manche Menschen assoziieren Yoga generell mit einer sehr spirituellen oder esoterischen Praxis, die ihnen vielleicht fremd ist oder die nicht mit ihren persönlichen Überzeugungen übereinstimmt. Im Fall von Ashtanga Yoga, mit seinen Wurzeln in einer langen Tradition und der Erwähnung von Mantren oder Drishtis, kann dieser Eindruck noch verstärkt werden. Es ist wahr, dass Yoga eine philosophische und spirituelle Dimension hat, aber das bedeutet nicht, dass du diese Aspekte in den Vordergrund stellen musst, wenn du praktizierst.

Für viele ist Ashtanga Yoga in erster Linie eine physische Praxis, die sich positiv auf ihre körperliche Fitness, ihre mentale Klarheit und ihr Stressmanagement auswirkt. Die körperlichen Vorteile – wie erhöhte Kraft, Flexibilität, Ausdauer und verbesserte Körperhaltung – sind unbestreitbar und für viele der Hauptgrund, mit Ashtanga zu beginnen und dabei zu bleiben. Der Fokus auf die Atmung und die Bewegung im Vinyasa-Stil kann zudem eine Form der bewegten Meditation sein, die dir hilft, den Geist zu beruhigen und dich im Hier und Jetzt zu verankern.

Während traditionelle Ashtanga-Praktiken oft Mantren oder philosophische Konzepte beinhalten, liegt der Fokus in vielen modernen Studios, einschliesslich meinem, auf der zugänglichen und praktischen Anwendung der Methode. Du musst keine bestimmten spirituellen Überzeugungen teilen, um die Vorteile des Ashtanga Yoga zu erleben. Es ist absolut in Ordnung, die Praxis als eine Form des körperlichen Trainings und der mentalen Disziplin zu sehen. Wenn du dich später für die tieferen, philosophischen Aspekte interessierst, stehen dir viele Ressourcen zur Verfügung, aber es ist keine Voraussetzung, um mit der Praxis zu beginnen oder sie zu geniessen. Ashtanga ist so flexibel, dass du dir heraussuchen kannst, was für dich stimmig ist.

Fazit

Ashtanga Yoga ist eine unglaublich wirkungsvolle und vielseitige Praxis, die oft von Missverständnissen umgeben ist. Es ist nicht nur für die „Super-Gelenkigen“ oder diejenigen, die eine tägliche, rigorose Praxis verfolgen können. Vielmehr ist es eine Methode, die sich an deinen Körper und deine Bedürfnisse anpassen lässt, die Raum für Individualität bietet und in der Hilfsmittel als wertvolle Unterstützer dienen und bei mir sehr wohl erlaubt sind. Die spirituellen Aspekte sind optional und du kannst die Praxis auch rein physisch und mental für dich nutzen. Indem wir diese Mythen entlarven, hoffen wir, mehr Menschen den Zugang zu dieser bereichernden Yoga-Form zu ermöglichen und sie zu ermutigen, die transformative Kraft des Ashtanga Yogas selbst zu erfahren – auf ihre ganz eigene, individuelle Weise. Es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern darum, die Reise anzutreten und sich selbst mit Achtsamkeit und Respekt zu begegnen.